Trauma (PTSD)
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Mit "Trauma" (griechisch: Wunde, Verletzung) wird ein Ereignis bezeichnet, innerhalb dessen das erlebende Subjekt mit Tod oder schwerer Verletzung seiner selbst oder anderer Personen konfrontiert wird. Von einer Traumatisierung wird dann gesprochen, wenn das Subjekt unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Schäden leidet. Im Sinne psychiatrischer Diagnostik wird dann von einer post-traumatischen Belastungsstörung (PTBS; auch post-traumatische Belastungsreaktion, PTBR) gesprochen. Das englischsprachige Äquivalent ist die "post-traumatic stress disorder" (PTSD). Entscheidend ist nicht das Ereignis selbst, sondern seine Verarbeitung. So stellt die post-traumatische Belastungsstörung eine normale Reaktion auf eine abnormale Situation dar.
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Klinisches Erscheinungsbild
Die Symptome der post-traumatischen Belastungsstörung teilt man in drei Kategorien ein: Übererregung, Intrusion und Konstriktion.
- Übererregung: Nach einer traumatischen Erfahrung scheint sich der Betroffene gleichsam in einem ständigen Alarmzustand zu befinden, so als könne die Gefahr jeden Augenblick wiederkehren. Viele Symptome – Schreckreaktionen, Überwachheit, aggressive Reizbarkeit – können als Folge der chronischen Erregung des vegetativen Nervensystems erklärt werden. Das normale Grundniveau wacher, aber entspannter Aufmerksamkeit fehlt.
- Intrusion: Mit Intrusion werden ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis bezeichnet. Lange Zeit, nachdem das traumatische Erlebnis vorüber ist, manchmal sogar Jahrzehnte danach, erleben Traumatisierte das Ereignis immer wieder so, als ob es gerade geschähe. Mit dem Symptom der Intrusion wird die Wiederkehr einer 'vergangenen' Realität im Bewusstsein des Subjekts bezeichnet. Der traumatische Augenblick wird abnormal im Gedächtnis gespeichert und gelangt dann spontan ins Bewusstsein: im Wachzustand als plötzliche "Rückblende" (flash-back) und im Schlaf als Alptraum.
- Konstriktion: Konstriktion beschreibt die Vermeidung von Situationen, die als bedrohlich empfunden werden, psychische Erstarrung und emotionale Anästhesie. Hier kommt es zu einer Veränderung des Bewusstseinszustands. Eine unausweichliche Gefahrensituation kann nicht nur Angst oder Wut auslösen, sondern paradoxerweise auch eine distanzierte Ruhe. Die Ereignisse werden zwar weiter wahrgenommen, aber scheinbar losgelöst von ihrer üblichen Bedeutung. Charakteristisch sind hier Symptome wie der Verlust der Schmerzempfindung, Depersonalisation, Derealisation und ein verändertes Zeitgefühl. Diese Bewusstseinsveränderung wird auch Dissoziation genannt. Die Fernhaltung von Gedanken, die mit dem traumatischen Ereignis zu tun haben, ist ebenso symptomatisch für Traumatisierte wie weniger bewusste Formen der Dissoziation.
Diagnose
1980 fand die Diagnose "post-traumatic stress disorder" Eingang in das international bedeutende amerikanische Diagnose-Manual DSM III (aktualisierte Version: DSM IV, 1994), das von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben wird. Dort ist das Syndrom heute unter 309.81 als eine Form der Angststörung gelistet.
In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (International Classification of Diseases, ICD-10) der WHO hat die post-traumatische Belastungsstörung den Code F 43.1.
Geschichte
Das Phänomen, dass es nicht nur eine physische, sondern auch psychische Verwundbarkeit gibt, ist seit Jahrhunderten bekannt. Im dreißigjährigen Krieg (1618-1648) benutzten spanische Militärärzte den Ausdruck estar roto (dem Zusammenbruch nahe sein), um die Situation von Soldaten zu charakterisieren, die den Krieg nicht länger ertrugen. Im 20. Jahrhundert hat Sigmund Freud die Symptome in seinen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse beschrieben. Im Ersten Weltkrieg wurden die Begriffe Schützengrabenneurose, Neurasthenie oder "shell shock" benutzt. Im zweiten Weltkrieg war es der Freud-Schüler Abram Kardiner, der unter dem Titel The Traumatic Neuroses of War eine umfassende klinische und theoretische Untersuchung vorlegte. In den USA gab das Engagement kriegsmüder Vietnamkriegsveteranen den Anstoß zur Auseinandersetzung mit Kriegstraumata. In der Folge wurden dann erstmals systematische, großangelegte Studien zu langfristigen psychischen Kriegsfolgen durchgeführt, der Begriff "post-traumatic stress disorder" (PTSD) wurde etabliert und 1980 – fünf Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs – in das DSM-III aufgenommen.
Diskussion
Die schärfste Kritik an dem von der US-amerikanischen Psychiatrie der 70er Jahre entwickelten Verständnis von PTSD richtet sich gegen dessen individualpathologischen Ansatz. Dieser reduziert den Menschen zum Symptomträger und lenkt den Blick weg von der auslösenden Situation hin zu einem Symptomkomplex, der als vom historischen Kontext losgelöst und kulturübergreifend gültig betrachtet wird. Die Herangehensweise westlicher Psychiater, die mit Hilfe von Fragebögen Symptomkataloge durchgehen, ist in anderen kulturellen Kontexten jedoch fragwürdig. Darüber hinaus sagt eine PTSD-Diagnose weder etwas über die Fähigkeit von Individuen aus, mit Gewalterfahrungen fertig zu werden ("coping"), noch resultiert daraus zwingend ein psychotherapeutischer Betreuungsbedarf. Die Widerstandsfähigkeit ("resilience") und das Potential an Selbstheilungskräften von Menschen in Nachkriegssituationen bleibt in dieser Perspektive außen vor. Dass darüber wenig reflektiert wird, überrascht - vor allem wenn man sich die Tatsache vor Augen führt, dass in Mitteleuropa eine ganze Generation den Zweiten Weltkrieg erlebt und danach Versöhnungsprozesse durchlebt hat, ohne therapeutische Begleitung erhalten zu haben.
Schließlich geht mit der PTSD-Diagnose nahezu unweigerlich die Zuweisung einer Opferrolle einher. Die Beispiele von Vietnamkriegsveteranen, die selbst an Massakern oder Kriegsgreueln beteiligt waren, oder von afrikanischen Kindersoldaten zeigen, dass hier die Täter-Opfer-Kategorien nicht valide sind. Diese Beobachtung hat aber nicht dazu geführt, dass die westliche Psychiatrie ihr Bild von der menschlichen Psyche revidiert. Die sich daraus ergebenden ethischen Dilemmata werden nur selten diskutiert, und auch die sich daraus ergebenden strafrechtlichen Konsequenzen sind noch nicht gezogen worden.
Trauma und Friedensarbeit
Versteht man Trauma (PTSD) als ein Erlebnis, das sich in der Psyche eines Menschen selbständig gemacht hat und diese terrorisierend heimsucht, dann ist leicht nachzuvollziehen, dass es den äußersten Gegensatz zum "inneren Frieden" als einer Grunderfahrung menschlicher Existenz bildet und innergesellschaftlichen Versöhnungsprozessen entgegenstehen kann. Es gibt daher eine Reihe von Anknüpfungspunkten zwischen Trauma- und Friedensarbeit: In Projekten zu "Dealing with the Past", in denen Einzelne ihre persönliche Lebensgeschichte wiedergeben; in Versöhnungsprozessen; in der Begleitung von Zeugen, die in Wahrheitskommissionen aussagen sollen; in Projekten zur Re-Integration von Ex-Kombattanten.
Quellen
Literatur
David Becker, Prüfstempel PTSD – Einwände gegen das herrschende "Trauma"-Konzept, in: medico international (Hrsg.), Schnelle Eingreiftruppe "Seele": Auf dem Weg in die therapeutische Weltgesellschaft. Texte für eine kritische "Trauma-Arbeit", Frankfurt am Main 1997, S.25-48.
David Becker, Dealing with the Consequences of Organized Violence, in: Berghof Handbook for Conflict Transformation, Berlin 2001. [1]
Eric Brahm, Trauma-Healing. Beyond Intractability. Herausgeber: Guy Burgess, Heidi Burgess, Conflict Research Consortium, University of Colorado, Boulder. Posted: Januar 2004. [2]
Judith Lewis Herman, Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden, München 1998.
Simone Lindorfer, Erinnerungen heilen langsam ... Bericht (Auszüge) über die Situation von psychosozialer Traumatisierung und Traumaarbeit in Ruanda und Burundi, April 2004. [3]
Derek Summerfield, The Nature of Conflict and the Implications for Appropriate Psychosocial Responses, in: M. Loughry, A. Ager, The Refugee Experience: Psychosocial Training Module, Oxford 2001, S.28-56. [4]
Understanding Trauma in Cambodia. Basic Psychological Concepts, Pnom Penh: Center for Social Development (CSD) and German Development Service (DED), 2nd Edition March 2008. [5]
